Verbandsbeitrag

App und Bank!

Von Claude-Alain Margelisch - SBVg · 2015

«We need banking, we don‘t need banks anymore», sagte einst Bill Gates. Claude-Alain Margelisch, CEO der Schweizerischen Bankiervereinigung, stimmt Gates zu, aber nur dem ersten Teil seiner Aussage.

Die Digitalisierung wird auch vor den Banken nicht Halt machen. Im Gegenteil: Sie prägt seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten das Bankengeschäft. Jetzt kommt dazu, dass sich mit der Generation Y ein neues Kundensegment bemerkbar macht, das sich durch eine technologieaffine Lebensweise auszeichnet. Es ist die Generation der heute 17- bis 38-Jährigen, die grösstenteils mit dem Smartphone vor dem Gesicht und dem Internet aufgewachsen sind. Sie kaufen keine Bücher in der Buchhandlung, sondern im Netz und lesen sie dann auf dem Bildschirm. Ihre Reisen buchen sie digital, ihre Einkäufe bezahlen sie via Smartphone und entscheiden - «Thank God it's Friday» - kurzfristig über soziale Netzwerke, mit wem sie an diesem Abend in welchem Lokal essen gehen und welchem Club sie danach einen Besuch abstatten. Es ist naheliegend, dass diese sogenannten «Millenials» und mehr und mehr auch die älteren «Digital Immigrants» ihr Banking entsprechend gestalten wollen. Fintechs, ein Wort zusammengesetzt aus «Financial Services» und «Technology», sollen es richten. Weltweit sind Tausende solcher Start-ups bestrebt, die Finanzwelt umzukrempeln. Vor allem in London, New York und im Silicon Valley sind 2014 mehr als zwölf Milliarden Dollar an Investitionsgeldern in diesen Sektor geflossen, dreimal so viel wie im Jahr davor. «Wir wollen das Amazon für Privatkundenkredite sein», verkündet ein noch nicht 30-jähriger CEO eines deutschen Fintech-Unternehmens selbstbewusst. Das Ziel ist gesteckt.

Stand der Digitalisierung im Bankensektor

Neben dem beschriebenen Kundenverhalten und der Smartphone-Technologie, die eben diese Kundenbedürfnisse befriedigen kann, wird erfolgreiches «Data Mining» - also die Erfassung und Analyse von Kundendaten - zum Erfolgsfaktor von Fintechs. Und in diesem Bereich sind die Banken gegenüber den Giganten aus dem Silicon Valley wie Google oder Facebook noch im Hintertreffen.

Wo steht die Schweiz in diesem globalen Schachspiel und wie stellen sich die Banken auf die neue Situation ein?  

Die Banken in unserem Land haben, da besteht kein Zweifel, die Zeichen der Zeit erkannt. Sie treiben zusammen mit einer aktiven und sehr innovativen Fintech-Branche in der Schweiz die Digitalisierung voran. Die Szene wächst. Über 100 Fintech-Unternehmen haben sich mittlerweile im Schweizer Markt etabliert und als «Swiss Finance Start-ups» organisiert. Doch noch lange nicht jedes dieser Unternehmen will die Banken verdrängen. «App statt Bank» titelte kürzlich «Die Zeit». «App und Bank!» muss es jedoch heissen. 

Ist Outsourcing die Lösung?

Umfragen bei international tätigen Instituten orten bei bis zu 30 bis 50 Prozent der aktuellen Wertschöpfungskette Outsourcing-Potenzial. Viele Fintech-Unternehmen werden sich entlang dieser Wertschöpfungskette einrichten und den Banken digitale Lösungen offerieren. Höhere Produktionseffizienz, tiefere Kostenbasis und - ganz wichtig - stärkerer Fokus auf das eigentliche Kerngeschäft mit dem Kunden sind die Vorteile für die Banken und somit auch für ihre Kunden.
Im Fintech-Segment ist erfolgreich, wer sich rasch und mit den richtigen Produkten und Dienstleistungen positionieren kann. Das ist eine Binsen-weisheit, aber in diesem Umfeld nicht ganz einfach zu erkennen. Gewinnen werden jene Unternehmen, denen es gelingt, ein eigenes digitales Ökosystem - eine Art Online-Plattform - mit einer breiten Palette von Dienstleistungen und Produkten aus dem eigenen Haus und von fremden Anbietern aufzubauen. Das umfasst weit mehr als das herkömmliche E-Banking. Produkte wie «Crowd-Funding», «Social Trading» oder «Cloud-Banking» sind gefragt. Dazu in der Abwicklung so, wie man es von «i-Angeboten» kennt: intuitiv und bequem in der Bedienung, schnell, sicher, personalisiert, transparent und kosteneffizient. So weit, so gut. Blauäugig werden die Banken diesen Paradigmenwechsel aber nicht angehen dürfen. 

Die digitale Zukunft basiert auf Vertrauen

Eine Trumpfkarte haben die Banken: Vertrauen. Dieses Vertrauenskapital - über Jahrhunderte aufgebaut und gepflegt - ist eine hohe Eintrittshürde vor allem für grosse branchenfremde Anbieter aus dem Ausland. Es wird den Banken den nötigen Freiraum für die Anpassung ihres Geschäftsmodells schaffen, denn Fintech ist kein Hype, es ist die Zukunft. Eine Zukunft, die wohl schneller kommt als ursprünglich angenommen. 
Die Bankiervereinigung setzt sich in diesem Wettbewerb für gerechte Rahmenbedingungen sowie politische und mediale Interessenvertretung ein. Die zunehmende Bedeutung des Geschäfts wird Gesetzgeber und Regulierer auf den Plan rufen. Die SBVg wird dabei auf intelligentere, nicht zusätzliche Regulierung pochen. Zu diesem Zweck ist eine enge Koordination zwischen allen Akteuren nötig. Also auch hier: «App und Bank!»

Zum Autor

Claude-Alain Margelisch
ist seit 2010 Vorsitzender der Geschäftsleitung und Delegierter des Verwaltungsrats der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg).
Der Advokat und Notar arbeitet seit 1993 für die SBVg und war unter anderem Leiter des Bereichs «Internationale Finanzmärkte».
Nach Abschluss seines Rechtsstudiums an der Universität Bern erlangte Claude-Alain Margelisch das Advokatur- und Notariatspatent und arbeitete bis 1993 in einer Rechtskanzlei.