Derivate

Chancen nutzen, Risiken erkennen

Von Thomas Schulze · 2016

Strukturierte Anlageprodukte bieten vielfältige Möglichkeiten, das Portfolio zu diversifizieren. Bei der Vielzahl der Produkte ist für jeden das Passende dabei. Doch Achtung: Es gibt auch Risiken.

Der Markt ist enorm: Gut 235 Milliarden Schweizer Franken wurden im vergangenen Jahr mit strukturierten Produkten umgesetzt, die in der Schweiz oder für sie kreiert wurden. Und auch in diesem Jahr performte der Markt ähnlich gut. Kein Wunder, denn gerade in Zeiten schwacher Zinsen erfreuen sich diese innovativen Finanzprodukte bei den Investoren wachsender Beliebtheit. Aber was sind das überhaupt für Instrumente?
Strukturierte Produkte sind Kombi-Produkte, die sich aus herkömmlichen Anlagewerten wie Aktien, Devisen, Obligationen, Rohstoffen oder Fonds, mit einer oder mehreren derivativen Komponenten zusammensetzen. Diese Anlageinstrumente können durch die emittierende Bank direkt auf die individuellen Bedürfnisse, Markteerwartungen und das entsprechende Risikoprofil des Kunden zugeschnitten werden. Wichtig ist, dass der Anteil eines oder mehrerer Derivate innerhalb des Produktes gewährleistet ist. Bei Derivaten handelt es sich wiederum um Finanzinstrumente, deren Preise und Entwicklung vom Preis anderer Finanzprodukte wie eben Aktien, Währungen, Indizes oder Rohstoffen abhängen. Mit einem Derivat spekulieren Investoren darauf, ob der Preis eines Produktes in Zukunft steigen oder fallen wird. Typische Derivate sind CFDs (Contracts For Difference), aber auch Börsentermingeschäfte wie Optionen oder Optionsscheine. Diese sichern dem Inhaber das Recht zu, ein bestimmtes Gut innerhalb eines bestimmten Zeitraums – Termins – zu erwerben oder zu verkaufen.

Der Hebel macht den Unterschied

Ein wesentliches Merkmal strukturierter Produkte ist die Hebelwirkung. Durch einen geringeren Kapitaleinsatz im Vergleich zum Direktinvestment etwa in Aktien oder Währungen können Anleger von Kursbewegungen des Basiswertes überproportional profitieren. Neben den Optionsscheinen, die überwiegend zur kurzfristigen Spekulation genutzt werden, gibt es inzwischen eine Vielzahl strukturierter Produkte für langfristig orientierte Anleger. Dazu gehören neben CFDs zum Beispiel auch Zertifikate wie Bonus-Zertifikate, Discount-Zertifikate, Garantie-Zertifikate.
Die Vielzahl der Ausgestaltungsmöglichkeiten von strukturierten Produkten ist für den Anleger teilweise verwirrend. Wichtig zu wissen ist, dass strukturierte Produkte völlig unterschiedliche Risikomerkmale aufweisen können, von kapitalgarantiert bis Totalverlust ist alles möglich. Anleger müssen zudem bedenken, dass ein Zertifikat immer eine Schuldverschreibung einer Bank darstellt – sie garantiert Rückzahlung und Rendite. Fällt die Bank als Emittent aus, ist das Kapital verloren, wie viele Anleger schmerzlich anhand der Lehman-Brothers-Pleite 2008 erfahren mussten. Man spricht daher auch von einem Emittentenrisiko.

Für jeden das Passende

Im Wesentlichen teilen sich strukturierte Produkte in vier Kategorien auf: Kapitalschutz-Produkte eignen sich vor allem für sicherheitsorientierte Anleger. Bei Fälligkeit erhalten sie eine Mindestrückzahlung in Höhe des Kapitalschutzniveaus. Darüber hinaus partizipieren die Anleger an der Performance des Basiswerts. Damit bieten Kapitalschutzprodukte, vorbehaltlich des Emittentenrisikos, zumindest eine teilweise Absicherung des Nennwerts zwischen 90 und 100 Prozent zum Laufzeitende. Ihr zusätzliches Renditepotenzial ist an die Entwicklung eines Basiswerts gekoppelt und kann als Partizipation, als regelmässige Zahlung oder als Einmalzahlung am Laufzeitende ausgestaltet werden. Diese Produkte eignen sich für Anleger, die vor allem Sicherheit im Auge haben. Sie können auf steigende oder fallende Kurse ausgerichtet sein. «Anleger sollten sich bei der Auswahl von ihren eigenen Markterwartungen während der Laufzeit des Produkts leiten lassen», empfehlen die Experten der Credit Suisse AG.
Verfügen Anleger über eine moderate bis erhöhte Risikobereitschaft und rechnen mit einer Seitwärtsbewegung des Basiswerts, kommen Produkte zur Renditeoptimierung infrage. Das Renditepotenzial ist hier begrenzt, wobei das Risiko kleiner ist als bei einer Direktanlage in den Basiswert. Renditeoptimierungsprodukte bieten begrenztes Aufwärtspotenzial bis zu einem Cap, in der Regel in Form eines festen Coupons oder Discounts. Der Anleger verzichtet auf die unbegrenzte Beteiligung zugunsten einer regelmässigen oder einmaligen Zahlung. 
Sogenannte Partizipations-Produkte eignen sich ebenfalls für Anleger mit moderater bis erhöhter Risikobereitschaft, die aber eine unbegrenzte Beteiligung an der Wertentwicklung des Basiswerts wünschen. Das Risiko entspricht hier dem Risiko einer Direktanlage in den Basiswert. Partizipations-Produkte bieten im Allgemeinen eine ungehebelte Beteiligung an der Wertentwicklung eines oder mehrerer Basiswerte. Partizipations-Produkte können einen bedingten Kapitalschutz bieten, der von der Erfüllung einer Bedingung abhängig ist – zum Beispiel einer intakten Barriere. Sie eignen sich für Investoren, die während der Laufzeit des Produkts von einem Auf- oder Abwärtstrend im Markt ausgehen.
Hebelprodukte sind geeignet für Anleger mit ausgeprägter Risikobereitschaft. Sie dienen häufig der kurzfristigen Spekulation oder Absicherung. Durch die Hebelwirkung lassen sich mit geringem Kapitaleinsatz hohe Renditen erzielen. Allerdings besteht bei Hebelprodukten das Risiko eines Totalverlusts des anfänglichen Kapitals. Daher eignen sie sich nur für Anleger mit hoher Risikobereitschaft. Sie lassen sich auf Portfolioebene auch als Absicherung gegen Risiken einsetzen. Anleger sollten von einem ausgeprägten Kursanstieg oder -verfall im Markt ausgehen. Typischerweise dienen diese Produkte als kurzfristige, spekulative Anlagen mit täglicher Überwachung oder als Absicherung.

Risiken nicht ausser Acht lassen

Die Experten von Credit Suisse heben die Vorteile der strukturierten Produkte gegenüber anderen Anlageformen hervor. So zählten zu den Vorteilen etwa die Portfoliodiversifikation und der Zugang zu schwer zugänglichen Märkten oder Basiswerten. Ganz wesentlich sei zudem die hohe Flexibilität und die kurze Vorlaufzeit bei der Umsetzung. «Das Auszahlungsprofil eines Instrumentes lässt sich auf die aktuellen Marktverhältnisse und die Markterwartung des Anlegers abstimmen», heisst es. Auf diese Weise könnten Marktopportunitäten mit Strukturierten Produkten schneller genutzt werden. Wo Vorteile und Chancen winken gibt es allerdings auch Risiken. Beispielsweise sollten Investoren neben dem bereits genannten Emittentenrisiko auch das Marktrisiko nicht unbeachtet lassen. Wenn sich zum Beispiel der Basiswert ungünstig entwickelt, kann sowohl der Rückzahlungsbetrag als auch der Preis am Sekundärmarkt sinken.