Vermögensverwalter

Hat der Vermögensverwalter bald ausgedient?

Von Nadine Effert · 2015

Wie wichtig ist das persönliche Gespräch noch bei der Vermögensverwaltung?

Die fortschreitende Digitalisierung setzt den Finanzsektor unter Druck. Gleichzeitig lassen sich durch den Einsatz moderner Technologien jene Kunden gewinnen, deren Anlageverhalten sich geändert hat.

Jederzeit, überall und jetzt: Der Trend zur Digitalisierung ist längst auch auf den Bankensektor übergeschwappt. Mal eben auf dem Smartphone den Kontostand checken, schnell über die Banking-App eine Überweisung tätigen oder mit einem Klick einen neuen Dauerauftrag einrichten: Immer mehr Kunden wünschen sich einfache und komfortable Wege - auch in Sachen Geld. Dem klassischen Bankberater in den heiligen Hallen der Finanzinstitute wird nur noch selten ein Besuch abgestattet. Doch wie sieht die Lage bei der Vermögensverwaltung aus, wo doch die Veränderungen und Komplexität der Finanzmärkte uns Anlegern das Verwalten von Vermögen erschweren? Können wir hier auf ein Face-to-Face-Gespräch verzichten und mit einem guten Gefühl unser Geld in die Hände eines «Roboters» legen? 

Die Nachfrage ist vorhanden

Zwar steckt die digitale Vermögensverwaltung in der Schweiz noch in den Kinderschuhen, doch die Nachfrage nach digitalen, automatisierten Anlageassistenten ist bei Privatkunden bereits vorhanden - vor allem in der Gruppe der «Millennials». Die Mehrheit der Schweizer findet es nicht abwegig, einen Teil ihres Vermögens über digitale Anlagelösungen zu investieren. Das ist ein Ergebnis der Studie «Digitales Anlegen - Momentaufnahme 2015 und Ausblick auf 2020» der Swisscom Think Tank «e-foresight» und des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug IFZ.
Von den befragten 821 Schweizer Privatpersonen würden 44 Prozent zehn bis 30 Prozent ihres Vermögens digital anlegen, 25 Prozent auch mehr als 30 Prozent. Einfachheit im Sinne einer intuitiven Nutzung und Verständlichkeit seien die Hauptgründe, die für die Online-Vermögensverwaltung sprechen. Weiterer Pluspunkt: niedrigere Kosten. Nicht zu vergessen sind die häufig fehlenden Mindestanlagebeträge, die bei klassischen Anlageberatern eine natürliche Barriere darstellen.
So poppen immer mehr unabhängige Fintech-Start-ups auf, die das «digitale Bedürfnis» der Endanleger befriedigen und als Innovationstreiber der Branche agieren. Auch die etablierten Banken wissen, dass sie über kurz oder lang auf den Zug aufspringen und ihre digitale Expertise im Direktvertrieb aufbauen müssen, um sich ein Stück vom Kuchen zu sichern. 
Laut Studie sei für den Schweizer Markt in den kommenden Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten zu rechnen. Prognostiziertes Marktvolumen: 54,3 Milliarden Franken im Jahr 2020, wobei beratungsgestütztes digitales Anlegen das Gros ausmachen wird. Der Rest verteilt sich auf die drei anderen bereits etablierten Geschäftsmodelle: Social Trading, hybrides Modell und Robo Advisors.

Anlage-Portfolio im Handumdrehen

Beim «Robo Advising» erfolgt die Beratung ohne jegliche persönliche Interaktion - sprich standardisiert und automatisiert. Beispiel gefällig? Im Jahr 2012 wurde das Start-up Future Advisor in San Francisco gegründet. Dahinter steckt eine technische Anlage- und Beratungsplattform, die es Anlegern ermöglicht, innert zwei Minuten ein Online-Portfolio anzulegen. Einfach Namen, Familienstand und Jahreseinkommen eingeben und die Daten aus dem eigenen Portfolio importieren und schon spuckt das Computerprogramm eine Ertragsprognose und Verbesserungsvorschläge aus. Die Verwaltung des Geldes erfolgt vollautomatisch - in günstigen Indexfonds. Der Erfolg des Robo Advisors spiegelt sich in den Zahlen wider: Medienberichten zufolge verwaltet das Fintech-Unternehmen etwa 600 Millionen Dollar und befindet sich damit unter den Top 10 der Branche. Der Markt der Robo Advisors wächst schnell.

Die Mischung macht’s 

Doch gibt es auch Experten aus der Finanzbranche, die monieren, dass ein «Roboter» keine Entscheidungen treffen könne, die dem menschlichen Handeln überlegen sei. Jede gute Kapitalanlage brauche eine gute Beratung, ein persönliches Gespräch, das auf einem Vertrauensverhältnis beruhe. Das entspricht dem Bedürfnis nach Vertrauen und Kompetenz, das laut Umfrage für Kunden die höchste Bedeutung hat. Optimal scheint daher das Modell aus klassischem Berater, der Zugang zu systematischen Anlagevehikeln hat. So war es auch keine allzu grosse Überraschung, als der weltweit grösste Vermögensverwalter BlackRock den erfolgreichen Pionier Future Advisor im Sommer dieses Jahres kaufte und damit in den Markt der Online-Anlageberater eingestiegen ist. Als Teil von BlackRock Investment Solutions soll Future Advisor in Zukunft Banken, Versicherungen und Finanzberatern zur Verfügung stehen.