Zinsen

Kaum Aussicht auf steigende Zinsen

Von Michael Gneuss und Katharina Lehmann · 2016

Auch im kommenden Jahr stehen die Finanzmärkte im Zeichen expansiver Geldpolitik. Doch das Ende der Niedrigzinsen in den USA wird sich auch auf die Schweiz auswirken. Grosse Umschwünge stehen allerdings nicht an.

Brexit und Trump-Wahl, der tiefe Ölpreis und das Bangen um die chinesische Wirtschaft, das anhaltende Rätseln um die US-Leitzinserhöhung und erneute Sorgen um die Stabilität der Euro-Zone nach dem Italien-Referendum – Investoren brauchen im zu Ende gehenden Jahr 2016 ein starkes Nervenkostüm. Dafür haben sich mittlerweile aber die Wogen des Frankenschocks, der noch Ende 2015 die Eidgenossenschaft in Atem hielt, geglättet. Die Devisenmarktinterventionen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und der stabile Euro-Franken-Wechselkurs haben die Planungssicherheit der Schweizer Exportfirmen verbessert. Das schlug sich auch an den Börsen nieder, die sich allen Unannehmlichkeiten zum Trotz immer wieder erholten. In der Schweiz betraf dies vor allem die Aktien kleiner und mittlerer Firmen, während die grossen internationalen Konzerne im Schweizer Aktienindex SMI insgesamt eine eher schwache Börsenperformance hinlegten. 
Doch was machen Finanzmarkt und Börse im kommenden Jahr? Werden die Indizes weiterhin seitwärts verlaufen, die Inflation ausbleiben und die Zinsen tief bleiben? Darüber haben sich die Volkswirte der St. Galler Kantonalbank (SGKB) Gedanken gemacht und für ihre Anleger fünf Thesen für das kommende Jahr aufgestellt. 

Expansive Geldpolitik treibt Teuerung

Nach Meinung der Experten bleibt die Geldpolitik der SNB – ebenso wie die der EZB – expansiv. Die Zinsen werden dementsprechend auf einem niedrigen Niveau verharren. Auch im kommenden Jahr sei die Wertentwicklung des Frankens für die SNB von grösster Bedeutung, meinen die Experten der SGKB. Begründung: «Weil die Deviseninterventionen die SNB-Bilanzsumme stark erhöhen, wird die Nationalbank auch im kommenden Jahr auf die Negativzins-Karte setzen, um den Franken unattraktiv zu machen.» Zudem werde sich die SNB bei ihren Zins-Entscheiden an der EZB orientieren. Und die wiederum setzt aufgrund des zu schwachen Wirtschaftswachstums und zu niedriger Inflation in der Eurozone ebenfalls weiterhin auf einen negativen Leitzins. 

Im kommenden Jahr wird die Inflation wieder in den positiven Bereich steigen.

Dafür werde die Eidgenossenschaft im kommenden Jahr erstmals seit sieben Jahren wieder eine Teuerung verbuchen, meinen die Experten der SGKB. Startete die Schweizer Wirtschaft noch mit einer Inflationsrate von minus 1,4 Prozent in das Jahr 2016, hat sich der negative Preisdruck während der vergangenen zwölf Monate zwar nicht umgedreht, immerhin aber abgeschwächt: Zum Jahresende liegt die Inflation in der Schweiz bei nur noch minus 0;2 Prozent. «Im kommenden Jahr wird die Inflation wieder in den positiven Bereich und bis Ende 2017 auf plus 0;5 Prozent steigen», prognostizieren die Finanzfachleute. Preistreiber werden vor allem die steigenden Rohwarenpreise und eine erstarkende Nachfrage sein. «Weil die Inflationsrate weit vom SNB-Inflationsziel von zwei Prozent notiert, kann die SNB aber stark expansiv bleiben. Auch die Negativzinsen stehen aufgrund des nach wie vor starken Frankens nicht zur Diskussion», heisst es bei der SGKB. 

Aktienmärkte locken zum Jahresbeginn

Vor allem für die ersten Monate des Jahres 2017 deutet alles auf eine Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten hin, prognostizieren die Finanzexperten. Die Gründe: Die Geldpolitik der Zentralbanken bleibe expansiv, das Zinsniveau tief, die vorlaufenden Wirtschaftsindikatoren signalisieren weiterhin eine expansive Konjunkturentwicklung – zudem würden in den USA zahlreiche Infrastrukturprojekte aufgelegt. Zur Jahresmitte jedoch könnte sich der Trend umkehren: «Einen Bärenmarkt erwarten wir nicht, aber mehr Unruhe und zwischendurch wieder deutlich negative Marktphasen», meinte Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse SGKB. Positive Treiber für den Goldpreis werde es dagegen im kommenden Jahr nicht geben. Vor allem die steigenden Zinsen in den USA machen eine Anlage im zinslosen Gold unattraktiver und belasten den Goldpreis.
Auch werde der US-Dollar an Wert verlieren, daran änderten auch die steigenden US-Zinsen nichts. «Der Greenback kann zwar jeweils im Vorfeld einer möglichen US-Zinserhöhung zulegen. Aber mit jedem weiteren Zinsschritt wird sich dieser Effekt abschwächen. Darum wird der US-Dollar sich im Verlauf der nächsten zwölf Monate abwerten», glaubt Thomas Stucki von der SGKB. Der Euro profitiere dagegen von der Diskussion über das Ende der ultra-expansiven Geldpolitik.