Zinsausblick

Keine Besserung in Sicht

Von Katharina Lehmann · 2016

Die Zinsen bleiben tief – sowohl in der Schweiz als auch in der Eurozone. Mit dem negativen Zins versucht die SNB, den Franken zu schwächen und das Wirtschaftswachstum anzutreiben.

Quelle: Schweizerische Notenbank

Das Finanzwort des Jahres 2016 lautet «Negativzinsen». So hat es eine Jury aus bekannten Finanzexperten unter Federführung der Migros Bank und finews.ch entschieden. Begründung: Die derzeit geltenden Negativzinsen stellen die Grundprinzipien der Wirtschaft auf den Kopf, denn sie begünstigten Schuldner und bestraften Sparer – eine massive Umverteilung der Einkommen, die gerade die Vorsorgewerke in Bedrängnis bringt. Zudem zeige auch der Begriff selbst die Widersprüche. Denn als Zins werde den Finanzexperten zufolge der Preis für die Überlassung von Kapital bezeichnet. Ein Preis sei aber immer positiv – Negativpreise gibt es nicht. Zutreffender wäre nach Meinung der Jury deshalb die Bezeichnung Strafzins oder Spargebühr.

Zinsen weiter negativ

Ändern wird sich am Negativzins im kommenden Jahr aber wenig. Da sind sich die Finanzexperten sicher. So prognostizieren die Volkswirte der
St. Galler Kantonalbank (SGKB) für das kommende Jahr zwar steigende kurz- und langfristige US-Zinsen, die auch die Entwicklung der langfristigen Zinsen in der Schweiz und in der Eurozone nach oben ziehen werden. Doch sowohl die Schweizerische Nationalbank (SNB) als auch die Europäische Zentralbank (EZB) werden an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten – die kurzfristigen Zinsen bleiben tief, die Zinskurve wird steiler. «Die SNB wird sich bei ihren Zins-Entscheiden an der geldpolitischen Ausrichtung der EZB orientieren und diese bleibt aufgrund der aus ihrer Sicht zu tiefen Inflation und dem zu schwachen Wirtschaftswachstum in der Eurozone expansiv», glauben die Experten. 
Erst vor einem Jahr hatte die SNB den Leitzins auf minus 0,75 Prozent gesenkt – weiter als alle anderen Länder. So solle die übermässige Aufwertung des Franken verhindert werden. «Die Wertentwicklung des Frankens bleibt für die SNB von grösster Bedeutung», glauben die Finanzexperten der SGKB. Weil die Deviseninterventionen die SNB-Bilanzsumme stark erhöhen, werde die Nationalbank auch 2017 auf die Negativzins-Karte setzen, um den Franken unattraktiv zu machen.
«Die SNB spricht zwar regelmässig die Probleme an. Aber sie macht auch klar, dass es ihr nur darum geht, den Franken zu schwächen. Die SNB glaubt, alles im Griff zu haben. Doch die nächste Kreditkrise kommt bestimmt», glaubt auch Oswald Grübel, Jurymitglied bei der Wahl des Finanzwortes und ehemaliger Konzernchef der Banken UBS und Credit Suisse. 
Zwar empfehle der Internationale Währungsfonds (IWF) der SNB gar eine weitere Zinssenkung. Unbeantwortet sei laut Grübel je-doch die Frage, wann dieses geldpolitische Ex-periment an seine Grenzen stosse und ab welcher Höhe Negativzinsen eine Schmerzgrenze erreichen, bei der eine allgemeine Flucht in Bargeld einsetzte.

Niedrige Zinsen auch in Europa

Die EZB hatte zuletzt Anfang Dezember sowohl am Leitzins als auch am Anleihekaufprogramm festgehalten. Damit bleibt der Schlüsselsatz für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld bei 0,0 Prozent. Auch die Strafzinsen für Banken, die über Nacht überschüssige Liquidität bei der Notenbank parken, bleiben bei minus 0,4 Prozent. Den milliardenschweren Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren verlängerte die EZB bis Ende Dezember 2017 – allerdings sollen ab April nur noch 60 statt 80 Milliarden Euro monatlich in den Markt fliessen. Die Situation habe sich zwar im Vergleich zum Vorjahr verbessert – die Konjunktur sei jedoch weiterhin von der lockeren Geldpolitik der Notenbank abhängig. Das, meint Mario Draghi, werde auch vorerst so bleiben. «Die Geldpolitik bleibt in den kommenden Jahren eine Hauptstütze für das Wachstum», sagte der Notenbankpräsident in Frankfurt.